CasaBlanca Titel
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von Dr. Erich Krausbeck
 
Matthias Ningel war das erste Mal im Badhaus im Kurpark. Vor der Vorstellung ist es natürlich möglich mit ihm zu sprechen. Seine vorbereitende Bühnentechnik ist unkompliziert, was unsere Techniker so lieben. Sein Programm, das er heute dem Casablanca Kabarett-Publikum spielen will, heißt: „Kann man davon leben?“ Erstaunlicherweise ist der doppelstöckige, intime Saal schon wieder ausverkauft. Warum? Das weiß tatsächlich niemand. Ningel, der Name geht nicht so einfach über die Zunge, habe kein Lampenfieber. Früher hatte er das, aber nie mehr bei seinem eigenen Programm. Seine Musik komponiere er selbst, zitiere vielleicht einmal, aber es komme aus seinem Kopf. Kabarett sei für ihn ein Auftritt, der auf die Gesellschaft Bezug nehme und alle Kunstformen auf der Bühne zulasse: Musik, Schauspiel, die Interaktion mit dem Publikum. Der dichte Kontakt zu den Zuhörern mache es erst interessant. Er sieht seine Texte als eine Art Provokation, eine Art Widerstand. Der Gast könne seine eigenen Standpunkte an seinen Darstellungen der Sache überprüfen. Widerstand sei das, was er mache. Schließlich gelingt es im kurzen Gespräch vor dem Auftritt, dem Künstler in den Mund zu legen, die Regierung brauche sein Kabarett. Natürlich, antwortet er, wenn man es weiter denke, sei es so. Die Resonanz mache den Ton und Neues entstehe quer zu ausgetretenen Denkmustern. Kritik formuliert er über seine geschliffene Rhetorik. Das ihm in den Mund legen von Thesen führt sofort zu einer Modulation, zur Weiterentwicklung. Die langweilige Frage, wo seine Themen herkommen, erklärt er plausibel: Die Musik komme aus den Tasten des Klaviers, entstehe nur auf den Tasten, oder aus dem Text, und der Text entstehe auch an der Musik. Im Alltag, auch bei den News der Medien, laufe stets ein Programm neben dem Kopf mit, und das sei die Wurzel seines Schaffens. Was meint er damit? Es ist ein kontinuierliches Reframing. Informationen deutet er kontinuierlich um, Musik entsteht und der Text ist nicht die Antwort auf das Erlebte, sondern die implizite Gegenfrage, das Hinterfragen, das pointierte, eben das Kabarett, teils literarisch, dann mit dem Chanson am Klavier. Lob und Preise häufen sich um ihn. Bad Ems hatte er schon immer auf seiner Liste gehabt; 2014 sei er bei einer Telefonanfrage an Casablanca schon einmal ins Leere gelaufen! (Betreten schuldzuweisende Blicke blitzen von den anwesenden Veranstaltern unserer Kleinkunst-Bühne gegenseitig auf.) Angeregt wurde er in seiner Kunstform einst von Lars Reichow und Rainald Grebe. Manchmal müsse er sich am Stuhl festhalten, wenn er andere Bühnenkunst erlebe, wenn es das Richtige sei. Dann sei er regelrecht erregt und aufgewühlt. Was ist das, was ihn auszeichnet? Der Zuschauer sieht einen Jüngling, der auf einer „Hintergrundmusik“ singt, spricht, das Publikum anspricht, mit feinsinnigen, gegenläufigen Assoziationen, die gespannte Aufmerksamkeit verlangen, um ihm gedanklich rasch folgen zu können. Er führt, sobald er auf der Bühne steht, in seine Gedankenwelt hinein. Im Vorgespräch wirkt er eher passiv, freundlich, gönnerhaft, lässt dem Interviewer freien Lauf, als betrachteten seine wachen Augen ein seltsames Phänomen, das er in seinem mitlaufenden Kopfprogramm mit durchlaufen lässt. So auch auf der Bühne. Ningel predigt nicht, er bindet ein, eher zart, aber mit geschliffen scharfen Konturen. Man glaubt, die Regierung brauche ihn wirklich.

 
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