CasaBlanca Titel
linie
Leer-Gif
Leer-Gif
linie
 

wurde 2020 an Lars Reichow verliehen

Als das jetzige Kabarett Casablanca vor elf Jahren ins Theater im Badhaus umzog, dachte niemand daran, dass die von 99 auf dort 180 aufgestockten Plätze am anderen Lahnufer einmal nicht besetzt werden dürfen. Kultur in Zelten von Corona - das ist schwierig.
Um dennoch eine, der Auszeichnung würdige, Veranstaltung präsentieren zu können, sind wir mit Bühne und Bestuhlung auf die Gehwege - zwischen dem "heiligen Rasen" - des Kurparks ausgewichen. Ambiente und Wetter waren schon zum Sektempfang eine Wohltat. So war die Covid19 geschuldete kabarettistische Flucht ins Freie nicht das Verkehrteste. Dem Genuss für den Gaumen mit Prickeln im Glas und den traditionellen "Nieverner Heckeböck" folgte der für Geist und Herz.

Dass solch ein Abend überhaupt möglich ist, liegt am "doppeltkohlensauren Natron" der Emser Pastillen, das weltweit gegen Bazillen helfe, betont unser Vizepräsident Erich Krausbeck im Gespräch mit Anja Timmerscheidt von Siemes & Co., dem Hauptsponsor des Kabarettpreises. Auch Innenminister Roger Lewentz, der vor mehr als 20 Jahren mithalf, das Bad Emser Kellertheater Casablanca auf den Weg zu bringen, setzte für den kurzen Weg zur Bühne seine Maske auf und lobte Initiative und ehrenamtliches Engagement. Präsidentin Elfi Jörnhs begrüßte die Gäste und lntendant Josef Winkler hielt eine kurzweilige Laudatio auf den diesjährigen Preisträger.
Reichow, der in der väterlichen Jazz-Band Klavier spielen lernte, ging 1982 erstmals auf Tournee. Bei "Mainz bleibt Mainz" provozierte er beinah einen Politiker zum Sturm auf die Bühne und seinen ersten Auftritt im Kellertheater hatte er vor 19 Jahren. Beim mittlerweile siebten Gastspiel Reichows in Bad Ems wurde es höchste Zeit, den von Lies Ebinger kreierten, "schönsten Kabarett-Preis nördlich des Äquators" endlich an den Mainzer Ausnahme-Humoristen zu vergeben.

Doch zuvor zeigte sich "der Klaviator", wie er leibt und lebt, um mit seinem Best-of-Programm das Publikum zum lauten Lachen oder zum pointierten Nachdenken zu bringen. Der Künstler, Musiker, Entertainer, Kabarettist und Büttenredner serviert an diesem Abend die ganze Bandbreite seines Könnens: Symbiose von Sprachkunst und Musik. Die feine Humor-Demonstration im Freien des "Bad Emser Nationalparks", wie Reichow umschreibt, reicht von Komik mit voller Breitseite bis zur sensiblen Ballade am E-Piano über die Liebe und das Leben.

Reichow, der spitzfindige Karikaturist, der den provinziellen Parteipolitiker in meenzerisch persifliert oder die "dicken Deutschen" in flotter Melodie auf Urlaubsreise durch Europa begleitet. Die Schimpftirade auf Donald Trump in Prosa ist klar, deutlich und derb. Brillant führt er dann die Wesenszüge des "King of Fake-News" zur Dschungelbuch-Melodie vor. Seine hinreißende "Je wesesche"- lnterpretation des französischen Stöhn-Klassikers "Je t´aime - moi non plus" von Serge Gainsbourg war ein weiteres Highlight.

Reichow, der meisterhafte Geschichtenerfinder. Ob er mit seinem geträumten Wohnmobil-Urlaub in Norwegen auf Klamauk aus ist oder seine ganz eigene Wahrheit über die Herkunft des Coronavirus zum Besten gibt.

Und auch Lokalkolorit kann Reichow, wenn er von der "sämigen", sich an Bad Ems vorbei schiebenden Lahn schwärmt und der Stadt, die einst Kaiser und Zaren beherbergte, eine große Zukunft prophezeit: "Hier wird Kabarett zur Therapie mit gelenkschonendem Applaus".

Reichow, der feinfühlige Beobachter menschlicher Schwächen und Sehnsüchte. Letztere lässt er vor der stimmungsvoll beleuchteten Kulisse des Bauhauses, immer wieder in melancholisch angehauchte Lieder einfließen und gewinnt selbst der Coronakrise noch den frommen Wunsch ab, mal Zeit zu haben, über das "Immer mehr" nachzudenken.

"Für mich ist Glück, wenn der Tag keine Stunden hat", singt er zum Schluss. Die im Kurpark vergingen im vergnüglichen Fluge.




Schauen Sie auch auf unsere Facebook-Seite.

 

Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder


Lars Reichow im Internet:
Pfeil www.larsreichow.de
 

Preisträger 2019: Martin Zingsheim

Preisträger 2018: Madeleine Sauveur

Preisträger 2017: Sebastian Schnoy
Preisträger 2016: Matthias Reuter
Preisträger 2015: Benjamin Eisenberg
Preisträger 2014: Tina Teubner
Preisträger 2013: Luise Kinseher
Preisträger 2012: Rena Schwarz
Preisträger 2011: Lüder Wohlenberg und Hans F. Jörnhs
Preisträger 2010: Thomas C. Breuer
Preisträger 2009: Kabbaratz
Preisträger 2008: Ingo Börchers
Preisträger 2007: Bodo Wartke
Preisträger 2006: Knusper
Preisträger 2005: Kabarett BläckAut
Preisträger 2004: Simone Solga
Preisträger 2003: Konrad Beikircher
Preisträger 2002: Matthias Brodowy

Das Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder, die Geschichte

Der Preis mit den kirschroten Lippen wird seit 2002 vom Verein Kabarett CasaBlanca vergeben. Drei Jahre nachdem sich die neu gegründete Kabarettbühne in Bad Ems zu etablieren schien, heckten die Gründer Hans Friedel Jörnhs und Erich Krausbeck schon neue Pläne aus. Ein Preis musste her. Die beiden Quer- und Um-die-Ecke-Denker hatten eine brillante Idee: Stimmbänder - die ja jeder Kabarettist zur Ausübung seiner Kunst benutzt und Emser Pastillen, eines der Markenzeichen von Bad Ems, gehören irgendwie zusammen. Die Verbindung gelang und es folgte alsbald die Umsetzung.
Der damalige Chef aller Emser Pastillen, Direktor Olaf Hirsch der Fa. Siemens und Co., brauchte weniger als 1 Minute 30, um die an ihn herangetragene Idee eines solchen Preises mit zu beflügeln. Dank der großzügigen Unterstützung, mittlerweile auch durch das Schwesterunternehmen Sidroga, konnte das Preisgeld ausgeschrieben werden.
Der Bad Emser Künstlerin Lies Ebinger und ehemaligen Seniorchefin der Keramikwerkstatt Ebinger-Schnaß, gelang mit ihrem Entwurf die eindrucksvolle Umsetzung einer nicht ganz trivialen Aufgabe. "Stimmbänder und einen Kehlkopf kann man schlecht gestalten. Und der Mund ist ja das Organ, mit dem die Stimme nach außen gebracht wird". So fiel die Entscheidung für ein großes, rotes Lippenpaar welches auf einem Messingstab mit vergoldetem Sockel thront. Aus der Echtgoldglasur ragt in erhabenen Buchstaben der etwas aussergewöhnliche Name des Preises, zu dem Sie lieber Leser jetzt auch die Geschichte kennen.

Eine unabhängige Jury wählt aus den über das Jahr im Theater aufgetretenen Künstlern den oder die PreisträgerIn aus. Da der Verein laut Satzung auch explizit Nachwuchskünstlern eine Auftrittsmöglichkeit bieten möchte, beobachten wir nicht ohne Stolz das einige unserer Preisträger in der Folge "richtig groß rausgekommen sind".
Bodo Wartke zum Beispiel, Preisträger 2007, damals noch im kleinen Kellertheater mit 99 Plätzen, ist für Locations unter 1000 Plätzen gar nicht mehr zu kriegen. Bemerkenswert war auch Konrad Beikircher (er kommt trotz seiner Popularität immer noch gern zu uns), als er 2003 sein Pastillchen erhielt, hat er als Zeichen seiner Wertschätzung unserem kleinen Theater gegenüber sein Preisgeld dem Verein gespendet.

Der kunstvolle Preis, über den Hans F. Jörnhs einmal sagte es sei "die wahrscheinlich schönste Trophäe, die als Kabarettpreis nördlich des Äquators überreicht wird", unterläuft einen aufwendigen, mehrwöchigen Herstellungsprozess: Der feuchte Ton für Mund und Sockel wird in eine Gipsform gegossen. Die Rohprodukte müssen dann mehrere Wochen in einem Raum mit Heizung und Gebläse getrocknet werden. Erst in trockenem Zustand werden die Sockel und Münder dann glasiert. Den Mund zu glasieren ist aufgrund der Wölbung der Lippen eine besondere Herausforderung. Wenn die Glasur so verläuft dass es aussieht als würde der Mund einem die Zunge herausstrecken ist es Ausschussware. Sechs bis sieben dünne Farbschichten müssen aufgetragen werden - eine jede muss zuerst trocknen, bis die nächste obendrauf kommt. Im Anschluss werden die glasierten Teile zwölf Stunden bei 1100 Grad gebrannt. Der Sockel wird zunächst schwarz-weiß glasiert und gebrannt. Danach wird sein Schriftzug mit flüssigem Gold versehen und der Sockel noch mal bei 800 Grad in den Ofen gesteckt. Und damit am Ende auch jeder Künstler ein Unikat erhält, wird eine Metallplakette mit Namen und Auszeichnungsjahr unten in den Sockel geklebt.

Neben der "Langen CasaBlanca Kabarettnacht" gehört die Preisverleihung zu den Höhepunkten im Emser Kabarett-Jahr. Die Überreichung des einzigartigen "Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder" ließ bisher das Herz eines jeden Empfängers freudig höher schlagen.

Wir danken Lies Ebinger †

(April 2020) Zum Todestag einer, für das Kabarett CasaBlanca wichtigen Persönlichkeit, möchten wir - aus unserer Kleinkunstwelt heraus - die spezielle Bedeutung von Lies Ebinger würdigen.
Als die Konzeption eines Kabarettpreises ganz am Anfang stand, sprach unser damaliger Intendant Friedel Jörnhs die Künstlerin an, ob sie uns eventuell bei der Formfindung behilflich sein könnte. Die Anfrage war freundlich zurückhaltend gemeint, denn wir waren ein kleines, neues Kellertheater, damals noch ohne nennenswerte Reputation. Zu unserer großen Freude und für uns etwas ganz Besonderes, war die spontane Zusage der Künstlerin, daran zu arbeiten. Es entstand eine Trophäe, die bis heute unwidersprochen als die schönste im Lande gilt: Das "Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder". Ein rotes Lippenpaar, über einer goldenen Pastille schwebend, wird für unseren Kabarettpreis das Alleinstellungsmerkmal, an welches "nördlich des Äquators", so der Intendant, nichts heranreicht. Die PreisträgerInnen strahlen, wenn ihnen diese ausdrucksstarke Statue überreicht wird, und in der Szene ist unser Preis zunehmend begehrt.
Somit möchten wir Lies Ebinger noch einmal im besonderen unseren Dank aussprechen für diese wunderbare Gestaltung; danke der Familie und der ehemaligen Firma Ebinger-Schnass-Keramik für dieses Geschenk an uns, an unser Publikum und an die KabarettistInnen.

 
linie